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25 Jahre Fußballmagazin „ballesterer“„Was wir machen, wird nie Mainstream“

Das Magazin „ballesterer“ wirkt seit 25 Jahren über Österreich hinaus. Das Chef:innen-Duo über Liebhaberei, Printkrise und Cover mit Frauen.

Große Themenvielfalt, viele Männer: Cover aus 25 Jahren ballesterer Foto: ballesterer

taz: Nicole Selmer, Moritz Ablinger, euer Magazin „ballesterer“ wird 25 Jahre alt. Was heißt das Wort eigentlich?

Ablinger: Ein Ballesterer ist ein technisch versierter Fußballer.

taz: Das Wort ist also positiv konnotiert?

Ablinger: Ja, auch wenn es immer Leute gibt, die mehr Kampf fordern. Die finden ballesterer vielleicht nicht so gut.

Bild: Inka Marter
Im Interview: Nicole Selmer

Nicole Selmer

55 Jahre alt, ist eine deutsche Journalistin. Sie schreibt seit rund 20 Jahren über Fußball, Fankultur und Politik, arbeitet seit 2014 für den „ballesterer“, meist aus Hamburg, und ist seit Sommer 2024 Chefredakteurin.

Selmer: Und es ist ein ausgesprochen Wienerischer Begriff. Er stammt aus der Zwischenkriegszeit, der großen Zeit des Wiener Fußballs.

taz: Eure Gründung im Jahr 2000 fällt ja in eine ganze Welle: „11Freunde“ und das schwedische „Offside“ kamen im selben Jahr raus, das französische „So Foot“ kurz danach. Hattet ihr untereinander Kontakt?

Bild: Daniel Shaked
Im Interview: Moritz Ablinger

Moritz Ablinger

32 Jahre alt, hat seine journalistische Laufbahn 2013 als Praktikant beim „ballesterer“ begonnen und ist seit Sommer 2024 Chefredakteur.

Selmer: Ich glaube nicht, dass es zu dem Zeitpunkt Kontakte gab. Das große Vorbild für alle war das britische When Saturday comes, die Mutter aller Fußballmagazine.

taz: Aber das Jahr 2000 ist schon interessant. Da war ja nichts los. Die Kapitalisierungsschübe waren ja Anfang der Neunziger.

Selmer: Der ballesterer ist natürlich auch eine Reaktion auf genau diese Kapitalisierung, dieses: Fußball wird größer, rückt in die Mitte der Gesellschaft und entgleitet uns Fans zugleich. So eine Reaktion braucht ein paar Jahre, bis man sich organisiert. Klaus Federmair aus der Gründergeneration hat mir letztens erzählt, dass ballesterer-Gründer Reinhard Krennhuber ihn gefragt hat: Klaus, du gehst ja auch zum Fußball und du schreibst gern. Wollen wir nicht ein Fußballmagazin machen? Das war das Level an Organisation.

taz: Ist diese Amateurhaftigkeit der Grund, warum es euch immer noch gibt? Andere Magazine sind ja eingegangen: „Der Tödliche Pass“ oder „Transparent“.

Selmer: Wenn wir professionell gewesen wären, hätten wir wahrscheinlich irgendwann entschieden: Es geht finanziell nicht mehr. Vielleicht ist diese Liebhaberei tatsächlich ein Grund, warum wir weitergemacht haben.

Ablinger: Ich glaube, es fällt auch den Le­se­r:in­nen leichter, sich mit einem Produkt zu identifizieren, wenn es nicht so hochglanzmäßig daherkommt.

Selmer: Für viele hier ist der ballesterer ein sozialer Raum. Man wird hier nicht reich, man wird auch nicht megaberühmt, deswegen will man spannende Sachen mit netten Leuten machen. Das funktioniert über ein imperfektes Gebilde besser als in einem großen glatten Medienhaus – das natürlich andere Vorteile hätte.

taz: Vor fünf Jahren hattet ihr eine Rettungskampagne. Wie steht ihr jetzt da?

Selmer: Eigentlich ganz gut für unsere Verhältnisse. Wir konnten jüngst die Redaktion personell etwas aufstocken. Die Abos bilden unsere Kerneinnahme. Wir haben auch Sportwettenwerbung im Blatt, woran es immer Kritik gibt. Das kann ich auch verstehen, aber ohne diese Anzeigen wäre es für uns extrem schwierig.

taz: Das Arbeitsumfeld von Jour­na­lis­t:in­nen hat sich stark verändert: Printkrise, Social Media, gesunkene Aufmerksamkeitsspanne.

Ablinger: Wir haben eine sehr treue Leser:innenschaft. Aber auch eine, die älter wird. Das Durchschnittsalter steigt fast jedes Jahr um ein Jahr. Es ist noch immer relativ jung im Vergleich zu anderen Printprodukten, Anfang, Mitte 40. Wir machen jetzt mehr auf Social Media, aber wir haben noch immer keine Paywall, die technischen Dinge kosten einfach Geld. Das, was wir machen, wird nie Mainstream sein. Ich glaube aber, es wird immer ein Publikum dafür geben.

taz: Ihr habt zum Beispiel keine Videoformate.

Selmer: Wir haben schon überlegt: Sollen wir jetzt auch mal Reels machen? Vielleicht warten wir aber auch auf das übernächste Format. Ich denke, wir werden immer ein Printmagazin sein, das ist sehr eng mit der Identität verknüpft. Wir haben wahnsinnig tolle Designer, die für vergleichsweise wenig Geld arbeiten. Ein ­Printmagazin, wo Papier und Farben eine große Rolle spielen, kann man nicht einfach ins Digitale übertragen.

taz: Ihr erscheint immer noch im Eigenverlag. Gab es mal Bemühungen, das zu ändern?

Selmer: Vor unserer Rettungskampagne hatten wir mal gesucht, wurden aber nicht fündig. Für die Zukunft würde ich eine Beteiligung nicht ausschließen. Und der RedBull-Verlag, Benevento Publishing, würde vermutlich eh nicht bei uns anklopfen.

taz: Wie sieht es denn mit der Geschlechterverteilung in eurer Le­se­r:in­nen­schaft aus? Bei Fußballmagazinen sind das ja oft 95 Prozent Männer.

Selmer: Das ist bei uns nicht anders. Redaktionell sind wir besser aufgestellt. Aber vergleichsweise viele Frauen zu haben, bedeutet in dieser Branche halt 15 Prozent statt 10. Es ist zudem nicht so, dass sich bei uns ständig Frauen melden würden und wir Nein sagen.

taz: Ihr berichtet allerdings auch immer noch vorwiegend über Männerfußball.

Ablinger: Frauenfußball ist uns ein Anliegen, nicht erst seit gestern. Wir haben ein Sonderheft zur EM der Frauen 2017 gemacht, als das noch eine Seltenheit war. Es ist unser Anspruch, über den Fußball der Frauen gleichwertig und gut zu berichten – nicht irgendwie barmherzig.

taz: Fußballmagazine, die Frauen aufs Cover nehmen, fallen damit oft am Kiosk durch. War das bei euch auch so?

Selmer: Wir werden oft dazu aufgefordert, mehr zu Frauenfußball zu machen. Aber an den Verkaufszahlen merken wir: Was sich Menschen wünschen und was sie konsumieren, ist oft nicht dasselbe. Es ist die Frage: Wie geht man mit dieser Männlichkeitsmaschine Fußball um? Wir versuchen, so viele Frauen wie möglich zu Wort kommen zu lassen, etwa als Expertinnen, und eine Normalisierung herbeizuführen.

taz: Ihr habt euch schon recht früh mit der NS-Vergangenheit des Fußballs beschäftigt.

Selmer: Das ist uns wichtig. Schon sehr früh wurde die Reihe „Fußball unterm Hakenkreuz“ etabliert. In Österreich gehörten wir zu den Ersten, die sich damit beschäftigt haben. Das hat viel bewirkt.

taz: Welche Rolle spielt bei euch der Blick auf Deutschland?

Ablinger: In jeder Ausgabe ist mindestens ein Artikel zu einem deutschen Thema. Etwa ein Drittel unserer Abon­nen­t:in­nen ist aus Deutschland. Das liegt vor allem daran, dass Fußball in gesellschaftlichen Debatten dort eine größere Rolle spielt als in Österreich. Der Fußball hier wird noch mehr belächelt als bei euch.

taz: Warum entscheidet sich die deutsche Le­se­r:in­nen­schaft für euch?

Selmer: Wir profitieren unter anderem – nicht ganz gerechtfertigt – davon, dass es heißt, 11Freunde sei so kommerziell geworden, wir jedoch nicht. Aber 11Freunde spielt in einer komplett anderen Liga als wir. Uns zählt man eher noch zur Subkultur.

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